skip to main content

Tier und Mensch

Seit Jahrhunderten prägen Tiere das Leben in Gaubünden – als treue Begleiter, als Grundlage für Ernährung und Wirtschaft, und als Teil einer engen Gemeinschaft mit den Menschen. Diese Nähe brachte Verantwortung und Beziehung, aber auch Konflikte im Umgang mit Krankheit, Schutz und Nutzen.

Veterinärwesen

Die Tiermedizin war im Kanton Graubünden seit jeher von grosser Bedeutung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die erfahrungsbasierte Tierheilkunde zur wissenschaftlichen Veterinärmedizin. Bereits 1806 hob Karl Ulysses von Salis (1760–1818), der Präsident des Bündner Sanitätsrats, die grosse Bedeutung der Nutztierhaltung und der Tiermedizin in Graubünden hervor: «Für die Erhaltung des Viehs hat man in unserm Vaterlande jederzeit mehr Sorgfalt bewiesen, als für diejenige des Menschen».

Lesen Sie weiter ...

Die Tiermedizin war im Kanton Graubünden seit jeher von grosser Bedeutung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die erfahrungsbasierte Tierheilkunde zur wissenschaftlichen Veterinärmedizin. Bereits 1806 hob Karl Ulysses von Salis (1760–1818), der Präsident des Bündner Sanitätsrats, die grosse Bedeutung der Nutztierhaltung und der Tiermedizin in Graubünden hervor: «Für die Erhaltung des Viehs hat man in unserm Vaterlande jederzeit mehr Sorgfalt bewiesen, als für diejenige des Menschen».

«Tierheilkunde» und wissenschaftliche Veterinärmedizin

Die wissenschaftliche Veterinärmedizin etablierte sich in der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als zuerst in Bern und dann in Zürich Lehranstalten gegründet wurden. Um 1900 wurden diese Lehranstalten zu veterinär-medizinischen Fakultäten der Universitäten erhoben. In Graubünden nahm die Zahl ausgebildeter Fachleute nur langsam zu, um 1850 zählte der Kanton etwa erst neun praktizierende Tierärzte. Viele Bauern mussten ihre Tiere darum selber behandeln. Sie stützten sich auf ihr Erfahrungswissen und konsultierten Vieharzneibücher, die Fachleute in Umlauf brachten. Eines dieser Handbücher stammt beispielsweise vom Bündner Kantonstierarzt Johann Jakob Wirth, der 1842 das Tierarzneibuch «der erfahrene Rindvieharzt» veröffentlichte. Darin führt er aus, «wie der Landmann die Krankheiten seines Rindviehs richtig erkennen, leicht verhüten und gründlich heilen kann».

Berufsverband und Mobilität

In der Surselva waren um 1900 drei Veterinärmediziner tätig. Josef Meissen (1863–1911) praktizierte in Disentis, Wolfgang Blumenthal (1846–1905) und Joseph Casura (1874–1931) hatten ihre Praxen in Ilanz/Glion. 1901 schlossen sich diese mit weiteren Berufskollegen zur Gesellschaft Bündner Tierärzte zusammen. Nach der Aufhebung des kantonalen Autofahrverbots im Jahr 1925 erleichterten Autos die tierärztliche Arbeit in den weitläufigen Talschaften und abgelegenen Alpbetrieben. Der Beruf des Tierarztes war in Graubünden bis in die 1980er-Jahre eine reine Männerdomäne. Frauen wurden auf die Rolle als «Tierarztgehilfin» reduziert. Erst im November 1980 erhielt Dr. med. vet. Christina Barandun als erste Frau im Kanton Graubünden die Bewilligung zur Ausübung der tierärztlichen Praxis.

Seuchenbekämpfung als staatliche Aufgabe

Eines der Hauptanliegen der Veterinärmedizin war und ist die Seuchenbekämpfung. Die Surselva wurde unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg von einem schweren Ausbruch der Maul- und Klauenseuche heimgesucht. Im Dorf Morissen im Lugnez wurde daraufhin fast der gesamte Rinderbestand notgeschlachtet, um die Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Ab 1965 begann die flächendeckende Impfung gegen Maul- und Klauenseuche, wodurch die Ausbrüche in Graubünden und der übrigen Schweiz weniger wurden. Das Amt für Lebensmittelsicherheit und Tierwohl übernimmt noch heute neben der Seuchenbekämpfung weitere Aufgaben, etwa die Aufsicht der praktizierenden Veterinärmedizinerinnen und -mediziner oder im Bereich des Tierschutzes.

Hilfe zur Selbsthilfe

Auf den weitläufigen Tälern des Bündner Oberlandes vertrauten die Menschen auf ihr Wissen und nutzten gleichzeitig schon früh Ratgeber bei Fragen zur Tiergesundheit. Ein vielbenutztes Vieharzneibuch im 19. Jahrhundert war «der erfahrene Rindvieharzt», das 1842 erschien.

Auf einem Faltblatt am Ende des Büchleins ist eine Auswahl von Instrumenten aufgeführt, die in jeder Gemeinde verfügbar sein sollten. Dazwischen steht ein Rind. An ihm sind jene Stellen eingezeichnet, wo sogenannte Haarseilen zur Behandlung chronischer Entzündungen durchgezogen werden sollten. Die Seile, die ursprünglich aus Haaren gefertigt waren, wurden in die Haut eingezogen, und sollten dabei helfen, chronische Entzündungen auszuleiten.

Noch älter ist das im Kloster Disentis aufbewahrte Manuskript einer tierheilkundlichen Schrift aus dem Jahr 1748. Auf 40 Seiten finden sich verschiedene Rezepte, unter anderem was getan werden konnte, wenn ein Tier Gift gegessen hatte: Zermalmen und aufgekocht werden sollten «zwei Messerspitzen Methridat, ein Löffel voll Milchrahm, ein Löffel Essig und grüne Wacholderbeeren».


Die gefürchtete Maul- und Klauenseuche

Im Sommer 1957 brach auf der Alp Cassons die gefürchtete Maul- und Klauenseuche aus. Die sehr ansteckende Viruserkrankung führt zu Fieber und Bläschen im Mund und den Klauen. Die kranken Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen leiden unter starken Schmerzen. Auch Wildtiere wie Rehe; Rothirsche und Wildschweine sind gefährdet.

Beim Ausbruch auf der Alp Cassons oberhalb von Flims wurden alle Milchkühe ins Tal gebracht und auf spezielle Transporter geladen. Von dort kamen sie nach Zürich zur Notschlachtung. Die verbliebenen Rinder wurden geimpft: ohne Erfolg. Zusammen mit den Schweinen musste die Alpmannschaft Notschlachtungen durchführen. Die Männer standen alle unter Quarantäne und konnten die Alp erst nach 40 Tagen wieder verlassen.

Um unsere Website für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Sie bestimmen dabei selber, wofür wir Ihre Daten nutzen dürfen.

Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.