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Psychische Gesundheit

Vorstellungen von psychischen Erkrankungen wandelten sich im Laufe der Geschichte stark. Erste medizinische Beschreibungen reichen bis Sokrates zurück, der Depressionen oder Wahnvorstellungen als Ungleichgewicht der Körpersäfte deutete. Bis weit ins 18. Jahrhundert dominierten religiöse und moralische Deutungen akuter psychischer Krisen und Erkrankungen. Heute bestehen religiöse, medizinische und soziale Zugänge nebeneinander.

Wandel der Behandlung seelischen Leids

Im 19. Jahrhundert etablierte sich die Psychiatrie als eigene medizinische Disziplin. In Graubünden prägten die 1892 eröffnete «Irren- und Krankenanstalt Waldhaus» in Chur und das 1919 entstandene multifunktionale «Asyl Realta» in Cazis die psychiatrische Versorgung...

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Die Chefärzte – bis 2002 waren es ausschliesslich Männer – arbeiteten eng mit Fürsorgebehörden zusammen. Viele Menschen – auch aus der Surselva – wurden unter Zwang eingewiesen.

Diese beiden Bündner Einrichtungen glichen lange Verwahrungsanstalten. Viele Menschen verbrachten Jahrzehnte dort. Arbeit galt als therapeutisch, daneben kamen somatische Kuren wie Deckelbäder, Elektroschocktherapien, Insulinkuren oder psychochirurgische Eingriffe zum Einsatz.

Christliche Seelsorge in Krisenzeiten

Seelsorge spielte über Jahrhunderte eine zentrale Rolle im Umgang mit seelischem Leiden. Die katholische Kirche, die im Bündner Oberland dominant war, bot Begleitung in Krisen und zur Rettung des Seelenheils, etwa durch ein Busssakrament. Vorstellungen von Sünde, Schuld prägten den Umgang mit psychischen Krisen und Erkrankungen, und Menschen mit Psychosen oder Epilepsien galten als besessen oder gefährlich und wurden exorziert oder isoliert.

Eugenische Denkweisen bis in die 1980er-Jahre

Im 20. Jahrhundert wurde Graubünden zu einem Zentrum eugenischer Praktiken. Kern der eugenischen Idee war es, die Zusammensetzung der Bevölkerung zu beeinflussen, indem sie vermeintlich «minderwertige» Eigenschaften unterdrückte. Eingriffe seitens staatlicher und psychiatrischer Autoritäten erfolgten beispielsweise durch Zwangssterilisationen. Der erste Leiter der Anstalt Waldhaus, der Valser Johann Joseph Jörger (1860–1933), veröffentlichte eugenisch-rassenbiologische Schriften, die in Fachkreisen und bei Behörden grosse Wirkung entfalteten. Auch das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute, das bis in die 1970er-Jahre besonders viele jenische Familien aus Graubünden auseinanderriss und sowie Exponenten des Nationalsozialismus beriefen sich auf Jörger.

Öffnung und ökonomische Logiken

Mit der Einführung neuer Medikamente ab den 1950er-Jahren setzte auch in Graubünden die pharmakologische Wende ein. Trotz starker Nebenwirkungen ersetzten sie nach und nach somatische Kuren. Zwangsmedikationen waren und blieben dabei Teil des Alltags von schweizerischen Kliniken, wobei für Graubünden keine systematischen Tests nicht zugelassener Substanzen belegt sind.

Ab den 1960er-Jahren öffneten sich die Kliniken, und die Aufenthalte wurden kürzer. Seit den 1970er-Jahren entstanden ambulante Angebote in verschiedenen Regionen – auch in Ilanz – sowie spezialisierte Angebote, etwa für Kinder und Jugendliche, Menschen mit Behinderung und für die älteren Menschen.

Die 1990er-Jahre setzten organisatorische Reformen ein, und 2002 wurden die beiden Kliniken in Chur und Cazis in eine öffentlich-rechtliche Einrichtung überführt: die «Psychiatrischen Dienste Graubünden» (PDGR).

Erweiterung der therapeutischen Praxis

Im frühen 20. Jahrhundert hielten psychoanalytische Ansätze Einzug in Graubünden. Einer der frühen Vertreter war der Zernerzer Arzt Dumeng Bezzola, der eine eigene Methode entwickelte und ab 1912 eine Privatklinik in Celerina im Engadin führte. In den 1940er-Jahren leitete der psychoanalytisch geschulte Fred Singeisen die Klinik Waldhaus.

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierten sich auch in der Surselva niedergelassene Psychiater:innen und Psycholog:innen mit unterschiedlichen Zugängen und eigener Praxis. Seit einigen Jahrzehnten fanden auch Methoden aus anderen Kulturkreisen Eingang in die Unterstützung psychischer Gesundheit und Ansätze, die Körper, Seele und Geist verbinden. Sie ergänzen die medizinischen und psychotherapeutischen Angebote.

Psychiatrische Kliniken

Im 19. Jahrhundert wurde in Graubünden intensiv über die «Irrenfürsorge» diskutiert. Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten nicht mehr in Gefängnissen untergebracht werden. Ein erstes Projekt zum Bau einer spezialisierten Einrichtung scheiterte in den 1820er-Jahren an der Finanzierung. In der im Jahr 1840 eröffneten «Zwangsarbeitsanstalt Fürstenau» wurden Menschen zur «Korrektion» interniert, z.B. weil sie sich vorgegebenen Lebensweisen widersetzten, aber auch psychisch kranke Menschen.

Statistiken wurden im 19. Jahrhundert zu einem zentralen Mittel politischer Argumentation. Die «Irrenstatistiken» von 1851 und 1874 zeigten, wo in Graubünden Menschen, die als «geisteskrank» bezeichnet wurden, lebten. Die meisten wurden zu Hause betreut, oder waren «frei herumgehend».

1892 wurde die «Irren- und Krankenanstalt Waldhaus» in Chur eröffnet, die erste kantonale psychiatrische Klinik. Möglich wurde dies auf Initiative des Arztes Johann Friedrich Kaiser (1877) und des «Bündner Hilfsverein für Geisteskranke» in Thusis sowie durch ein Legat des Freiherrn Clemens von Loë.

Eine spezialisierte Einrichtung für Kinder und Jugendliche gab es in Graubünden lange nicht. Erst in den 1960er-Jahren wurde die «Stiftung Bündner Beobachtungs- und Therapieheim», die spätere «Kinder- und Jugendpsychiatrie» (KJP) gegründet (seit 2019 PDGR). Die Nachfrage nach psychiatrischer und psychologischer Betreuung für Minderjährige stieg stetig an.


Eugenik und Psychiatrie

Der Valser Psychiater und erster Leiter der «Irren- und Nervenanstalt Waldhaus» erstellte ab den 1880er-Jahren eugenisch-rassenbiologische Familienstammbäume. Unter den Namen «Zero» und «Markus» veröffentlichte er diffamierende Geschichten zu angeblich degenerierten Familien. Sie fanden in der psychiatrischen Disziplin grosse Beachtung.

Politik und Fürsorgebehörden legitimierten damit fürsorgerisch begründete Zwangsmassnahmen, Kindeswegnahmen, Sterilisationen, Heiratsverbote und Anstaltseinweisungen. Auch das von der Pro Juventute gegründete und mit Bundesgeldern mitfinanzierte «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse», das mehrere hundert jenische Kinder ihren Eltern entriss, berief sich auf Jörger.

Jörgers Ansichten wurden auch im nationalsozialistischen Deutschland rezipiert. Einer seiner Nachfolger, Gottlob Pflugfelder, setzte in den 1950er Jahren bis Ende der 1970er Jahre Jörgers Stammbaumarchiv fort und baute das sogenannte «Sippenarchiv» auf. Ein Bruch mit eugenischen Denkweisen in der Bündner Psychiatrie erfolgte erst Anfang der 1990er-Jahre.


Mehr Rechte für Patient:innen und Angehörige

Mitbestimmung und Aufklärung von Patient:innen und Angehörigen wurden seit den 1980er-Jahren schrittweise ausgebaut. Einen wichtigen Anteil daran hatten Betroffenenorganisationen, die sich für mehr Rechte von Patient:innen und Angehörigen einsetzten.

Margrith Janggen erlebte in den 1970er-Jahren die Machtlosigkeit gegenüber den Chefärzten in den psychiatrischen Kliniken, als ihr Mann an Schizophrenie erkrankte. Nach Vorbild aus anderen Kantonen gründete sie 1989 zusammen mit anderen Mitwirkenden die «Vereinigung der Angehörigen von Schizophrenie- und Psychisch-Kranken» (VASK) in Graubünden – heute «Stand by You Graubünden» – und stand der Organisation viele Jahre vor.

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