Kindersterblichkeit und Kinderkrankheiten
Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit war in der Schweiz und auch in Graubünden bis ins frühe 20. Jahrhundert hoch. Armut, Mangelernährung, fehlende Hygiene und die weite Entfernung zu medizinischer Hilfe machten Säuglinge besonders verletzlich. Infektionskrankheiten wie Diphterie, Keuchhusten oder Masern waren weit verbreitet, ebenso Rachitis oder Kehlkopferkrankungen. Um 1900 starb in der Schweiz rund jedes fünfte Kind vor dem 6. Lebensjahr.
Magendarmentzündungen gehörten lange zu den gefährlichsten Säuglingskrankheiten und die korrekte Pflege wichtig. Das Bundesamt für Statistik betonte die Bedeutung von «Pflege», «Fürsorge» und «Belehrung» der Eltern. Hier setzte der 1956 gegründete «Verein für Säuglingsfürsorge und Mütterberatung Ilanz-Lugnez» – die heutige Mütter- und Väterberatung – an. Ab 1957 besuchte eine «Fürsorgerin» Familien in Ilanz und dem Lugnez, ab 1975 auch in der Cadi und beriet die Mütter.
Wenn Kinder nicht zuhause gepflegt werden können
Das erste Kinderspital der Schweiz wurde 1862 in Basel eröffnet. Kinder aus der Surselva wurden bei langwierigen Erkrankungen oder komplexen Verletzungen oftmals in das Kinderspital Zürich, das 1874 eröffnet wurde, und ab 1926 nach St. Gallen verlegt. In Chur oder Arosa gab es zu dieser Zeit Sanatorien zur Behandlung von Lungenkrankheiten. Dort verbrachten sie oft Wochen oder gar Monate getrennt von ihren Familien.
Das Kantonsspital Chur führte 1949 eine eigene Kinderstation ein. 1977 erhielt die Surselva mit der Kinderabteilung im Spital Ilanz erstmals eine stationäre Versorgung in der Region. Unter der Leitung von Rolf Maibach verkürzte sie die Wege erheblich; 2001 kam ein zweiter Pädiater hinzu. Die Hausärzte in den weiter weg gelegenen Ortschaften blieben in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen wichtig.
Fortschritte in der Diagnostik, Behandlung und Prophylaxe
Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten diagnostische Möglichkeiten die Kinderheilkunde grundlegend. So konnten etwa genetische Veränderungen früher erkannt und behandelt werden. Antibiotika und Impfstoffe reduzierten die Zahl schwerer Infektionen deutlich. Die Schweiz führte kein allgemeines Impfobligatorium ein, setzte aber zeitweise auf Pflichtimpfungen wie die Pockenimpfung während des Zweiten Weltkrieges. Ab den 1960er-Jahren kamen Impfungen für Kinder gegen Masern, Mumps und Röteln hinzu. In der Surselva waren die Impfraten hoch.
Orthopädische Fehlstellungen konnten zunehmend behandelt werden, auch durch den Einsatz physiotherapeutischer Methoden. Seit 1986 unterstützen Checklisten die Beurteilung der kindlichen Entwicklung – als Orientierung, nicht als starre Norm.
Der 1956 gegründete «Verein für Säuglingsfürsorge und Mütterberatung Ilanz-Lugnez», heute Mütter- und Väterberatung, sollte mithelfen die Gesundheit von Säuglingen zu verbessern und Familien zu unterstützen.
Der Verein wuchs stetig und weitete seine Tätigkeit 1975 auf die Cadi aus. Die Jahresberichte zeigen, wie anspruchsvoll die Arbeit der «Fürsorgerin» war. Sie reiste in die Dörfer und begleitete die Familien.
Die Besuche der hier abgebildeten «Fürsorgerin» in einem Bericht von 1958, die als Pro Juventute Mitarbeiterin auch die Pflegekinderaufsicht wahrnahm, wurden ambivalent erlebt. Ihre Unterstützung war willkommen, doch ihr tiefer Einblick ins Familienleben verunsicherte auch. Die Sorge einer möglichen Meldung an die Behörden schwang im Hintergrund mit.
Lange stationäre Aufenthalte prägten früher den Alltag vieler kranker Kinder. In dieser Zeit waren sie nicht selten weit weg von zuhause und erhielten wenig Besuch. Heute sind Nähe, Begleitung und eine kindergerechte Umgebung wichtig.
Eine gefürchtete Krankheit, die auch Kinder betraf, war Poliomyelitis, bekannt als Kinderlähmung. Erkrankte litten unter Lähmungen, Atemproblemen und mussten Bewegungen mühsam wieder erlernen. In schweren Fällen kam die «Eiserne Lunge», ein Beatmungsgerät, zum Einsatz.
Im Kantonsspital Chur wurde 1967 in der Kinderklinik ein eigenes Spielzimmer eingerichtet, das den Kindern mehr Bewegungsfreiheit gab. Es war ein wichtiger Schritt zu einer kindergerechten Umgebung im Spital.
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