Graubünden hat eine lange und vielfältige Tradition von Heilpflanzenwissen und -nutzung. Sie wurde über Generationen hinweg bewahrt, weitergegeben und weiterentwickelt. Als die sogenannte moderne Medizin im 20. Jahrhundert dominanter wurde, setzte sich die Bündner Bevölkerung 1922 sogar mit einer Volksinitiative für Kräuterheilmethoden ein.
Die dokumentierte Geschichte beginnt früh: Der Engadiner Humanist Ulrich Campell (1510–ca. 1582) hielt als einer der Ersten die alpine Tier- und Pflanzenwelt auf Lateinisch fest und zeichnete dabei auch rätoromanische Namen für Heilpflanzen wie Renna (Meisterwurz) oder Radisch Naira (Wallwurz) auf. Auch Nadelholzgewächse wie die Lärche listete Campell auf.
Die Kraft der Alpenkräuter
Den alpinen Pflanzen wurde historisch eine weit stärkere Wirkung zugeschrieben als jenen im Flachland. Der Arzt Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) begründete dies mit der kühlen Bergluft und dem ständigen Wind, welche die Pflanzenfasern zusammendrückten und so das Ausfliessen des Nährsafts verhinderten.
Scheuchzer hielt auch fest, dass alpine Heilkräuter schon früh nach England und Holland exportiert wurden – analog zum Versand des bekannten Bündner Mineralwassers. Dieses wurde bereits im 17. Jahrhundert aus den grossen Quellen in St.Moritz und Tarasp und später auch aus kleineren, wie den Peidener Quellen im In- und Ausland verkauft.
Günstige Medizin für die Ärmeren
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die universitäre Medizin, die sich seit dem Mittelalter herausgebildet hatte, der Oberschicht vorbehalten. Die ärmere Bevölkerung war auf Handwerkschirurgen, Kräuterfrauen und Geistliche angewiesen. Lokale Heilpflanzen boten hier niederschwellige Hilfe für Mensch und Tier.
Zwei historische Werke spiegeln diese gelebte Volksmedizin wider. 1719 verfasste Johann Barandun (ca. 1688–?), der vermutlich Landschreiber war, mit dem Lustgarten da las Ligias eine Anleitung in Surselvisch, um das Wissen über günstige, heimische Pflanzen in der Bevölkerung zu verbreiten. Rund zweihundert Jahre später stellte der Oberländer Pfarrer Tumaisch Giusep Berther (1853–1931) im beliebten Calender Romontsch eine 29 Kräuter umfassende Hausapotheke vor–die sogenannte apoteca da casa – um die medizinische Selbsthilfe der Landbevölkerung in der Surselva zu stärken.
Vom «Kräuterpfarrer» und «Kabispater»
Zwei Personen erlangten in Graubünden im 20. Jahrhundert über die Landesgrenze hinaus Bekanntheit. Der weithin beliebte, aber auch umstrittene katholische Geistliche und «Kräuterpfarrer» Johann Künzle (1857-1945) feierte mit seinem 1911 erschienenen Heilkräuterbüchlein Chrut und Uchrut millionenfachen Erfolg. Das Büchlein wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und erschien 1937 in einer surselvischen Ausgabe (Flurems e zerclems). Das grosse Kräuterheilbuch – die Summe seines Wissens – kam 1945 kurz nach Künzles Tod heraus und enthielt 100 farbige Illustrationen der Künstlerin Pia Roshardt (1892–1975).
1920 zog Künzle nach Zizers, um sich einem Strafverfahren in St.Gallen wegen seiner Pendel-Diagnosemethode zu entziehen. Als Ärzte und Behörden ihm das Praktizieren verbieten wollten, erwirkte die Bündner Bevölkerung 1922 mit der Volksabstimmung für «giftfreie Kräuterheilmethoden», dass Künzle im Kanton praktizieren durfte.
Ein weiterer bekannter Naturheiler war der «Kabispater» Thomas Häberle (1912–1997), ein Priester aus dem Kloster Disentis, der in Rumein und St. Johann/Müstair wirkte. Kohlblatt, Olivenöl und Meersalz waren die von ihm bevorzugten Naturheilmittel. Sein 1973 erschienenes Buch Helfen und Heilen wurde mehrmals aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt.
Phytotherapie
Seit dem 19. Jahrhundert–als synthetisch-chemische Arzneien aufkamen–geriet die traditionelle Kräutermedizin in Konkurrenz zur Pharmazie, wurde aber nie verdrängt. Pflanzliche Heilmittel waren auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts günstiger als ein Arztbesuch. Viele vertrauten weiterhin auf Familienrezepte und über Generationen weitergegebenes Erfahrungswissen für Tees, Wickel oder Salben.
Und seit den 1970er-Jahren boomte die Naturheilkunde erneut. Die heutige Pflanzenheilkunde, die sogenannte Phytotherapie, verbindet das traditionelle Erfahrungswissen mit evidenzbasierten Studienergebnissen. 2017 nahm der Bundesrat die Pflanzenheilkunde unbefristet in den Leistungskatalog der Krankenkassen-Grundversicherung auf. Heute werden schulmedizinische Behandlungsmethoden oftmals mit Pflanzenheilkunde kombiniert, so auch am Kantonsspital in Chur.
Die Meisterwurz gehört zu den traditionellen Alpenheilpflanzen. Seit dem Mittelalter wird sie bei schlecht heilenden Wunden, Erkältungen oder Magendarmproblemen sowie in der Frauen- und Männerheilkunde angewendet. Zudem kam sie bei Nutztieren zum Einsatz. Ihr wurden magische Kräfte zugesprochen, weshalb sie auch zur Räucherung von Häusern und Ställen verwendet wurde.
Die fast 1600 Fragen umfassten ein breites Themenspektrum vom Dorfleben über Landwirtschaft bis zu Liebe, Ehe und Tod. Die Forschenden baten darum, sich von der Fülle der Fragen nicht abschrecken zu lassen. Auch die Volksmedizin und Hausmittel wurden abgefragt. Frage Nummer 1541 lautete: «Welche Mittel braucht man gegen Schlangenbiss?» Die Antwort aus Pitasch empfahl Brandwein «bis man besoffen ist». Nütze dies nicht, sei das Gift stärker.
Heilpflanzen kamen auf vielfältige Weise zum Einsatz: Sie wurden frisch oder getrocknet als Tee getrunken, zu Tinkturen, Ölen oder Salben verarbeitet sowie in Wickeln angewendet und direkt auf die betroffenen Körperstellen aufgelegt, um Verletzungen und Krankheiten zu heilen.
Nicht alle Leistungen sind dabei durch die Grundversicherungen der Krankenkassen gedeckt. Viele Kassen knüpfen die Kostenübernahme an ein vorhandenes medizinisches Problem. Eine Zusatzversicherung kann die Selbstbeteiligung senken.