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Frauengesundheit

Frauengesundheit war lange ein Tabu. Katholische Sexualmoral und paternalistische Strukturen bestimmten in der Surselva, wie über den Körper von Frauen gesprochen wurde. Vieles blieb unsagbar – und medizinisch kaum sichtbar. Heute entsteht ein neues Verständnis von Körper, Gesundheit und Gendermedizin.

Vom Schweigen zur Sichtbarkeit

Frauengesundheit ist kein medizinisches Spezialgebiet, sondern ein kulturelles, soziales und historisches Feld, das über Gynäkologie und Geburtshilfe hinausreicht. In Graubünden war sie über Jahrhunderte von Tabus und moralischen Normen geprägt. Viele Erfahrungen – körperliche Veränderungen in Pubertät und Abänderung, Erschöpfung durch Mehrfachbelastungen oder Folgen von Gewalt – wurden abgewertet oder verschwiegen und fanden kaum Eingang in die medizinische Wahrnehmung.

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Frauengesundheit ist kein medizinisches Spezialgebiet, sondern ein kulturelles, soziales und historisches Feld, das über Gynäkologie und Geburtshilfe hinausreicht. In Graubünden war sie über Jahrhunderte von Tabus und moralischen Normen geprägt. Viele Erfahrungen – körperliche Veränderungen in Pubertät und Abänderung, Erschöpfung durch Mehrfachbelastungen oder Folgen von Gewalt – wurden abgewertet oder verschwiegen und fanden kaum Eingang in die medizinische Wahrnehmung.

Der männliche Blick auf den weiblichen Körper

Die Versorgung stützte sich lange auf das lokale Heilkräuterwissen und die Erfahrungen von Hebammen. Selbst hergestellte, pflanzliche oder tierische Heilmittel spielten eine zentrale Rolle.

Mit der somatischen Wende des 19. Jahrhunderts wurde der weibliche Körper zunehmend naturwissenschaftlich vermessen – meist aus einer männlichen Perspektive. Dadurch verschob sich die Deutungshoheit: Ärztliche Expertise gewann an Gewicht, während weibliches Alltagswissen marginalisiert wurde.

Die fehlende Selbstbestimmung über den eigenen Körper konnte lebensgefährlich sein. Weil Schwangerschaftsabbrüche lange verboten waren, nutzten Frauen in der Surselva und anderswo Mutterkorn – einen Pilz auf Roggen, der Wehen auslöst, in höheren Dosen jedoch hochgiftig ist. Diese heimliche Praxis führte immer wieder zu schweren Vergiftungen und Todesfällen.

Ein Perspektivenwechsel braucht Zeit

Erst die zweite Frauenbewegung in den 1970er-Jahren brachte allmählich ein Umdenken. Fragen der Selbstbestimmung, der Verhütung und des Schwangerschaftsabbruchs wurden auch in Graubünden öffentlich verhandelt, und langsam rückten soziale Aspekte wie Care-Arbeit oder Abhängigkeiten und Gewalt in Partnerschaften ins Bewusstsein. 1989 wurde das erste Frauenhaus in Graubünden gegründet und es wurde institutionell anerkannt, dass Gewalt gegen Frauen ein zentrales Gesundheitsrisiko ist.

Frauen werden anders krank

Heute zeigt die Gendermedizin, wie unterschiedlich Frauen erkranken, Symptome zeigen – zum Beispiel bei einem Herzinfarkt – und auf Therapien reagieren. 2024 richtete die Universität Zürich den ersten Lehrstuhl für Gendermedizin ein. Er erforscht biologische und soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Gleichzeitig übernehmen Frauen zunehmend leitende Funktionen in der regionalen Gesundheitsversorgung; so im Abteilung Regionalspital Surselva in Ilanz in der Gynäkologie/Geburtshilfe.

Das «Frauenkraut» Schafgarbe

Frauenmantel, Schafgarbe oder Salbei gelten als «Frauenkräuter». Sie werden auch in der Surselva seit Generationen als Tee, Tinkturen oder Sitzbäder verwendet.

Farbige Abbildung eines Schafgarbenstrauchs

Die Schafgarbe ist eine robuste Staude, die auch in der Surselva wächst. Sie wird in der Kräutermedizin bei Beschwerden im Verdauungstrakt und zur Entkrampfung von Regelschmerzen angewendet.


Selbstbestimmung und Frauengesundheit

In den 1970er-Jahren rückten Fragen rund um Verhütung, Schwangerschaft und deren Abbruch in die öffentlichen Debatten, so auch in Graubünden. Die Auseinandersetzung um die Fristenlösung – das heisst ein rechtlicher Kompromiss, der es Frauen erlaubte ungewollte Schwangerschaften innerhalb einer bestimmten Frist abzubrechen – zeigt, wie umkämpft diese Fragen waren.

Abstimmungsplakat zur Fristenlösung vom 25. September 1977

1974 diskutierte die Bündner Sektion der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereine in Filisur die «Pro und Kontra» der «Schwangerschaftsunterbrechung». Im Zentrum stand die Frage nach der Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Die Davoser Gynäkologin Silvia Bono sprach sich gegen die Fristenlösung aus, ausser in «Extremfällen». 1978 lehnte das Schweizer Stimmvolk die Vorlage ab, Graubünden deutlich mit 71 Prozent Nein-Anteil. Erst 2002 wurde Abtreibung in der Schweiz entkriminalisiert.

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